“Wir haben getan, was wir konnten”
Interview mit Oberst a.D. Hajo Herrmann, der sich den alliierten Bombern entgegenstellte
Hajo Hermann flog im Zweiten Weltkrieg in etwa 370 Feindflügen sowohl als Bomber- wie auch als Jägerpilot. Er und seine Besatzung versenkten mit der Junkers Ju 88 in Sturzkampf-Einsätzen 60.000 Tonnen Schiffsraum. In der zweiten Hälfte des Krieges schoss Herrmann neun viermotorige Lancaster-Bomber ab. Er plante die großräumige Nachtjagd “Wilde Sau”. Während des Krieges stieg er vom Oberleutnant und Staffelführer auf bis zum Oberst, Divisionskommandeur und Inspekteur der Nachtjäger. Er wurde ausgezeichnet mit dem Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern. Herrmann lebt heute als Rechtsanwalt in Düsseldorf. Er verfasste die Bücher “Als die Jagd zu Ende war – Mein Flug in die sowjetische Gefangenschaft” und “Bewegtes Leben – Kampf- und Jagdflieger 1935–1945″
“Das Elend unten konnte ich mir vorstellen”
Herr Herrmann, was ist Ihr Eindruck von dem Buch “Der Brand” von Jörg Friedrich?
Herrmann: Ich bin tief beeindruckt; an ein, zwei Stellen hätte ich Anmerkungen zu machen. Als Nachtjäger habe ich das Wüten des Brandes und das Aufsteigen eines grauen Rauchkolosses auf über 6000 Meter erlebt. Das war über Hamburg. In der ARD-Dokumentation über die “Operation Gommorrha” habe ich das vor Jahren dargestellt. Das Elend unten konnte ich mir vorstellen. In Berlin habe ich es später selbst mitgemacht. Alles das finde ich in dem Buch von Jörg Friedrich hervorragend geschildert. Mir ist, als erlebte ich alles noch einmal, von oben wie von unten.
Wie verträgt sich Ihr Erlebnis als Verteidiger der Heimat mit Ihren Einsätzen als Bomber? Es wird ja immer wieder behauptet, die deutsche Luftwaffe habe mit den Angriffen auf Warschau und Rotterdam mit dem Bombardieren von Wohnplätzen angefangen.
Herrmann: Wir haben nicht die Städte bombardiert, sondern die Gegner, die sich am Stadtrand verschanzt hatten. Sie wurden von unserer Artillerie beschossen und wir Flieger waren dort wie Artilleristen eingesetzt.
“Die englische Seite wollte Wohnungen zerstören und Menschen töten”
Wie denken Sie darüber, dass dabei Häuser zerstört und Zivilisten getötet und verletzt wurden?
Herrmann: Ich frage mich, ob die feindlichen Heerführer nicht an die Stadtbevölkerung dachten, als sie eine offene Stadt zur Festung machten und aus dieser Festung die Deutschen beschossen. Sie hätten der mehrfachen deutschen Aufforderung zur Kapitulation der Stadt umgehend nachgeben sollen. Das geschah leider nicht oder nur sehr zögerlich. Im Falle Rotterdams konnte immerhin noch eine Kampfgruppe per Funk zurückgerufen werden. Sie landete mit Bomben auf ihrem Flugplatz.
Wie beurteilen Sie die Bombardierung englischer Städte?
Herrmann: Wir griffen strategisch wichtige Ziele in den Städten an. Das war die Absicht. Dabei sind auch zivile Objekte zerstört und Menschen getötet worden. Das nennt man heute Kollateralschäden.
Lag darin eine Abkehr von den Regeln der Haager Landkriegsordnung?
Herrmann: Die englische Luftwaffe hat damit angefangen und wir haben geantwortet, damit sie aufhören. Die englische Seite wollte Wohnungen zerstören und Menschen töten. Wir kämpften gegen die feindliche Armee und Flotte und bombardierten die Kriegsproduktion in Coventry, trafen leider auch Zivilisten. Über Sheffield und Birmingham setzte ich erst Fallschirmleuchten, um die Fabriken zu erkennen und zu treffen.
“Seit Mitte Mai 1940 wurden deutsche Städte mit Bomben beworfen”
Wer also fing mit dem Städtebombardieren an?
Herrmann: Die britische Rüstung war schon in den 30er-Jahren auf schwere viermotorige Bomber mit hoher Bombenfracht angelegt. Deutschland baute größtenteils ein- und zweimotorige Sturzkampfflugzeuge zur Punktzielbekämpfung. Im “Frachtgeschäft” konnten wir mit den Engländern überhaupt nicht konkurrieren. Es wäre von uns töricht gewesen anzufangen. Zu dem Schlagabtausch kam es Ende August 1940. Zu dieser Zeit tobte noch der Kampf um die Luftherrschaft über dem Kanal und über England. Das britische Bomberkommando hatte begonnen, Berlin bei Nacht anzugreifen. Seit Mitte Mai 1940 wurden deutsche Städte unterschiedslos mit Bomben beworfen. Die deutsche Regierung warnte mehrfach. Gegenschläge wurden angedroht. Das Völkerrecht gestattet solche Repressalien, um den Rechtsbrecher wieder zur Einhaltung der Regeln zu bewegen. Die Briten waren nicht zu bewegen und bombten weiter. Das machte das Maß voll.
Was passierte dann?
Herrmann: Ab September 1940, nachdem Berlin zum sechsten Mal angegriffen worden war, schlugen wir zurück. Dass wir solange warteten, haben einige meiner Flieger, deren Angehörige ausgebombt worden waren, nicht verstanden. Die englischen Bomber flogen in Holland über unseren Köpfen in die Heimat, und unsere Leute standen vor dem Kriegsrichter, wenn Bomben neben Vickers-Armstrong in Newcastle oder auch einmal versehentlich auf Wohnhäuser in London fielen. Der Staatssekretär im britischen Air Ministry, J. M. Spaight, räumte in dem 1944 veröffentlichten Buch “Bombing Vindicated” ein: Es waren wir, die begannen, wir sollten stolz darauf sein, dass wir den zu erwartenden deutschen Gegenschlägen ruhig entgegengesehen haben.
“Die Besatzungen waren durch Propaganda und Lügen aufgeputscht worden”
Jörg Friedrich spricht von Verbrechen. Wer hat sie begangen?
Herrmann: Keinesfalls die Besatzungen, denn sie waren nach britischem Militärstrafrecht und auch nach ihrem Selbstverständnis an den Befehl gebunden. Sie waren außerdem durch übelste Propaganda zum Hass gegen die “Hunnen” und schießlich durch Lügen aufgeputscht worden. Ein freundlicher, gewählt sprechender Herr, Angler, erzählte mir in den 70er-Jahren bei Liverpool, dass man seiner Bombereinheit in der Einsatzbesprechung vor den vernichtenden Angriffen auf Dresden erklärt habe, die Deutschen würden in Dresden Giftgas herstellen.
Das klingt sehr aktuell. Aber lassen wir das beiseite. Wo sehen Sie die Verantwortlichen?
Herrmann: Ganz oben, auf den Ministerbänken, auf dem Stuhl des Premierministers, der in der Vernichtungstechnik mit Spreng- und Brandbomben von Professor Lindemann fachmännisch beraten wurde. Der Premier trägt die Verantwortung. Bei uns hat sich der Begriff des Schreibtischtäters eingebürgert. Juristisch ist das der mittelbare Täter, der wie der eigenhändige Täter zu beurteilen ist. Die Ausführenden, die Flieger waren seine Werkzeuge, waren die Gehorsamen, Gebundenen, Überzeugten und Schuldlosen, zum Unrecht Missbrauchten. Unter diesen habe ich heute Freunde. Mein Buch “Bewegtes Leben”, das in englischer Sprache unter dem Titel “Eagle’s Wings” erschien, übersetzte ein britischer Lancaster-Flieger.
Wurden auch Sie missbraucht?
Herrmann: Weder als Bomber, da ich mich rechtfertigen konnte, noch als Jäger, da ich zum Schutz meiner Landsleute Brandstifter mit der Kanone bekämpfen musste und wollte.
“Die Frage hat sich angesichts des Bombenterrors niemand gestellt”
Sie wurden dreimal abgeschossen, dabei verwundet. Wie sind Sie in den letzten Kriegsjahren angesichts der alliierten Bomberströme mit den enormen Belastungen fertiggeworden? Gab es noch eine Hoffnung?
Herrmann: Die Frage hat sich angesichts des Bombenterrors und der drohenden bedingungslosen Unterwerfung niemand gestellt. Anfang 1945 haben sich Tausende von Freiwilligen, von denen einige in den Phosphorfeuern ihre ganze Familie verloren hatten, zum Rammeinsatz im Kommando “Elbe” gemeldet. Wegen Mangels an Flugzeugen starteten nur an die 200 am 7. April 1945 zu ihrem letzten Einsatz. Andere stürzten sich, um Berlin zu verteidigen, auf die Oderbrücken. Und in den letzten Apriltagen flogen Sprengkommandos in Kleinflugzeugen hinter die russischen Linien, um die Truppentransporte zur Entgleisung zu bringen. In dieser aussichtslosen Kriegslage sagte ein herausragender Jagdflieger, Träger des Ritterkreuzes mit Eichenlaub und Schwertern und Brillanten, Major Walter Nowotny, einem Zweifelnden: “Ein Hundsfott, wer jetzt die Flinte ins Korn wirft.”
Und Ihre Einstellung dazu heute?
Herrmann: Wir haben getan, was wir konnten. Wir liefern der Nachwelt ab, was sie davon gebrauchen will…
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